Unser Tretboot-Abenteuer – Teil 4

Nachdem wir länger als geplant Magdeburgs beste Seiten genossen hatten, stiegen wir wieder voller Spannung in unser Tretboot. Bis zum Sonnenuntergang müssten wir noch 40 km schaffen und das ab hier ohne Karte. Zudem erwartete uns am Domfelsen die höchste Strömung der Tour. Obwohl es dreimal so schnell war wie auf der Elbe davor und danach, kommt das abenteuerliche Gefühl im Video und auf den Fotos nicht zu sehr rüber.

Magdeburg domfelsen
Vorfreude auf die schnellsten Stromschnellen der Tour!

Die nächsten 40 km sind ziemlich schnell vergangen, da wir uns die Zeit mit einem ausführlichen Mittagsschlaf, Muffins, Ukulele und Segelversuchen mit unserem Außenzelt vertrieben haben. Der gefühlte Erfolg von letzterem war gemischt. Nach einem neuen Tagesrekord von 59 km (und damit ca. 20 km mehr als der bisherige Rekord) haben wir darauf verzichtet die 60 zu knacken und haben in einer gemütlichen Bucht den erfolgreichen Tag ausklingen lassen.

Elbe rekord magdeburg
Monsterleistung von 59 km an einem Tag bis zu unserem letzten Zeltplatz am Elbeufer

Am nächsten Morgen haben wir uns nach zwölf Tagen von der Elbe verabschiedet und haben in den Elbe-Havel-Kanal geschleust. Der Kanal sollte uns zum Plauer See führen. Auf der anderen Seite des Sees führt die Havel mit zahlreichen Armen vorbei an Brandenburg bis Potsdam und Berlin. Allerdings fließt sie für unseren Heimweg in die falsche Richtung. Wir hatten herausgefunden, dass man mit einem Kanu gegen die geringe Havel-Strömung ankommen kann. Ob es aber auch mit einem anfälligeren Tretboot mit seinem typisch ineffizienten Antrieb möglich wäre, mussten wir selbst herausfinden.

Wir wussten, dass der Tag auf dem Kanal ohne Strömung anstrengend würde. Aber wir hatten nicht erwartet, dass es der härteste Tag der Tour sein sollte.

anfang der elbe havel kanal boatle tretboot
Abschied von der Elbe bevor wir durch die geöffnete Schleuse ohne Höhenunterschied hindurchtrampeln auf den Elbe-Havel-Kanal

An einem Samstag würden weniger Frachtschiffe unterwegs sein, hatten wir zumindest gehofft. Zudem waren zahlreiche Hobbykapitäne mit ihren Motoryachten unterwegs. Das hohe Verkehrsaufkommen wäre auf dem Fluss in Ordnung gewesen. Aber auf dem Kanal waren wir den Wellen der Schiffe ohne viel Platz zum Ausweichen und ohne Strömung gnadenlos ausgesetzt. Unser Bug wurde mehrfach überspült und das Tretboot lag zunehmend tiefer im Wasser. So wurde das Trampeln auch nicht leichter.

Zu allem Überfluss mussten wir nicht nur gegen die Heckwellen sondern auch gegen die Uhr ankämpfen. Die Schleuse am Ende des Kanals würde um 16 Uhr geschlossen werden und wir wollten einen Campingplatz dahinter erreichen anstatt im Kanal festzustecken. Am Anfang hatten wir uns nicht zu große Sorgen gemacht. Ohne Karte und nachdem es am Ufer auch keine Kilometerschilder mehr gab, fehlten uns Referenzpunkte. Als wir mittags zum Vorräteeinkauf in Genthin anlegten, mussten wir feststellen, dass wir langsamer als gedacht voran gekommen waren. Es fehlten noch mindestens 15 heiße, harte Kilometer bis zur Schleuse. Es war der sonnigste und windstillste Tag der Tour und so hatten wir zähneknirschend und hechelnd getrampelt und dabei alle Snacks aufgegessen. Gerade zum Ende unserer Expedition war dieser schweißtreibende Tag eine besondere körperliche und mentale Herausforderung. Unsere Anstrengungen wurden belohnt, als wir die Schleuse pünktlich erreicht hatten und zumindest dort unsere müden Beine ausstrecken konnten.

Einen langen Tag auf der Elbe Havel kanal
Lange, heiße, anstrengende, gerade Stunden auf dem Kanal

Aber wir hatten den Tag noch nicht geschafft. Wir mussten noch über den halben Plauer See zum Zeltplatz. Und das hieß, dass alle möglichen Arten von Booten aus allen möglichen Richtungen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf uns zu kamen und unser kleines Tretboot scheinbar kaum wahrnahmen. Zudem waren wir dem Wind und den dazugehörigen Wellen ausgesetzt. Das steigende Wasser im Boot, die größere Entfernung zu einem Ufer und unsere Erschöpfung der letzten und besonders dieses Tages waren keine gute Kombination. Sarah ist an ihre Grenze gegangen und es war Zeit für eine Pause, sobald wir ein sicheres Ufer erreichen würden.

In der wohlverdienten Pause haben wir uns an einem idyllischen Plätzchen unter einem urigen Baum gestärkt und mit den Resten meines Handyakkus herausgefunden, dass uns nur noch 2,5 km bis zu einem großen Campingplatz fehlten. Nachdem wir uns nochmal über den See und durch den Wochenendverkehr gekämpft haben, gab es besonders für Sarah einen Kulturschock. Dauercamper vom Feinsten inkl. Gartenzwergen und tennisbesockten Sandalen. Nach dem Einwurf der Duschmarke hieß es schnell in die Dusche zu kommen und die drei Minuten heißes Wasser zu genießen.

Auf der Plauer See Brandenburg
Über den Plauer See zu unserem nächsten Campingplatz

Am nächsten Morgen sind wir früh gestartet um den Sonntagsfahrern zu entgehen. Und es hat sich gelohnt fast alleine auf dem ruhigen See die Morgensonne zu genießen. Ab der Havelmündung wurde es spannend wie weit wir es gegen die Strömung schaffen würden.

Plauer See Havel Brandenburg entdecken
Bye bye Plauer See, hallo Havel (gegen die glücklicherweise geringe) Strömung

Die ungünstige, windanfällige Form des Tretboots kam uns entgegen, als der Rückwind uns Richtung Brandenburg unterstützte. Es fühlte sich besser an als am Vortag und nette Kanuten haben uns geholfen durch die Kanäle zur Schleuse zu navigieren. Es war nicht nur die letzte und kleinste und damit zu unserem Boatle passendste Schleuse, sondern auch die einzige, in der wir nach oben gefahren sind. Nach der Schleuse haben wir an einem kleinen Steg angelegt, sind durch Brandenburg Stadt flaniert und haben unsere Bäckerei-Vorräte ordentlich aufgefüllt.

Nach Brandenburg ging es wie gewohnt je nach Betrachtungsweise flexibel bis planlos weiter Richtung Osten. Das rheinische „Et hätt noch immer jot jejange!” hat sich bisher ja bestens bewährt und auf der Havel konnten wir uns trotz zahlreicher Arme auch nicht wirklich verfahren. Jede Umdrehung des Schaufelrads brachte uns näher nach Potsdam, Spandau und Neukölln.

Tretboot Havel Brandenburg
Boatles in Brandenburg

Als wir gerade nach einem Stück Kuchen die Jacken ausgezogen hatten und Sonnencreme aufgetragen hatten, wurde es plötzlich dunkel und kurz darauf fielen die ersten Regentropfen vom Himmel. Unser Schirm wurde vom dazugehörigen Wind umgefaltet und der vermeintliche kurze Schauer entwickelte sich zu einem kräftigen Sommergewitter. Der Himmel öffnete seine Pforten gerade als wir an einer breiteren Stelle des Flusses waren. Es regnete so heftig, dass selbst die überdachten Yachten schnellstens Richtung Hafen fuhren. So hatten wir bis zu einer halbwegs geschützten Bucht nicht nur mit dem Wasser von oben, sondern auch mit den hohen Wellen zu kämpfen, die unsere gefühlte Nussschale mal schaukeln ließen und mal einfach unser Deck überspülten. Als wir schließlich halb unter einem Baum Jacken anziehen wollten, ging Sarahs Sonnenbrille über Bord – glücklicherweise ein Einzelschicksal auf der Tour. Bis wir die bis dahin staubtrockenen Regenjacken herausgekramt hatten, war der Spuk vorbei und das Tretboot hatte noch mehr Tiefgang.

Zwei Kilometer weiter konnten wir entweder weiter dem Schild Richtung Potsdam (ohne Kilometerangabe) oder dem querab Richtung Ketzin folgen. Wir folgten letzterem und damit der Empfehlung eines lebensfrohen weißhaarigen Kayakpaars. In dem beschaulichen Dorf gab es nicht nur köstlichen Fisch, sondern auch eine Flußkarte, was besonders Sarah gefreut hat. So konnten wir begeistert feststellen, dass wir an diesem Sonntag bereits mehr als 30 km getrampelt waren.

Havel mit dem Tretboot brandenburg abenteuer
Ohne Karte durch die Havelarme navigieren

Gut genährt mit Fisch und im Bewusstsein, dass uns bis Berlin nur noch 20 km fehlten, sind wir mit der Abendsonne im Rücken weitergetrampelt. Der nächste Kanal war am Sonntagabend recht leer und damit entspannter als die bisherigen Kanäle. Das nach mehreren Kilometern folgende Seeufer, das wir als Zeltplatz eingeplant hatten, war dann leider komplett mit Schilf bewachsen. So blieb uns im letzten Tageslicht nur eine künstlich angelegte felsige Landzunge, auf der wir unser Zelt am Fuß eines Leuchtsignals aufstellten. Nach 600 km Tretbootfahren konnte uns auch grünes Blinklicht nicht mehr vom Schlaf abhalten.

Tretboot Abenteuer Sonnenuntergang und Sonnenaufgang letzter Tag
Abschiedsgruß von der Sonne an unserem letzten Abend und Morgen

Der letzte Tag! Eine ungemütliche Nacht und morgendlicher Schiffsverkehr brachten uns dazu wieder früh mit unserem Boatle in (den) See zu stechen. Einer der Höhepunkte war es eine von einem Baum frei über dem Wasser hängende Schaukel ausgiebig zu testen. Da konnte auch Sarah ihr inneres Kind nicht lange zurückhalten.

Schaukel über dem Kanal sacrow paretz
Die Füße und die Seele baumeln lassen

Es dauerte nicht lange bis wir den Jungfernsee überquert hatten und die Glienicker Brücke vor uns lag. Während der deutschen Teilung war diese Brücke Teil der für Zivilisten unpassierbaren Grenze zwischen West-Berlin (im Osten) und Potsdam als Teil Ostdeutschlands (im Westen). Für uns stand die Brücke als Symbol für unser Ziel, mit dem Tretboot nach Hause zu fahren. Wir haben Berliner Grund berührt und damit geschafft, was wir wenige Wochen zuvor nicht für möglich gehalten hätten: Mit einem Tretboot von Prag bis Berlin zu fahren!

Glienicker Brücke Abenteuer geschafft
Von Prag bis Berlin – Mission erfüllt!

Nachdem wir die Mission erfüllt hatten, sind wir zurück nach Potsdam gefahren um einen Platz zu finden, an dem wir Boatle vorerst parken könnten. Als wir noch etwas ungläubig, aber doch glückserfüllt lachend am Potsdamer Ufer entlangfuhren, hörten vier Passanten nicht auf zu winken. Da wir unterwegs vielen Menschen zu- und zurückgewunken hatten, brauchten wir einen Augenblick, bis wir verstanden, dass wir zu ihnen fahren sollten. Wollten sie das Boot kaufen oder sollten das unsere ersten Fans und Autogrammjäger sein? Als wir das Ufer und somit die beiden alten und die beiden jungen Passanten erreichten, entschuldigte sich die ältere Dame und erklärte ungläubig, dass ihre beiden Enkel ihr erzählt hätten, dass sie uns kennen würden. Da fielen uns die Schuppen von den Augen und wir haben sie erkannt. Es waren die ältesten Kinder vom Dresdener Floßfahrer Roman, die wir an unserem ersten Tag in Prag und seitdem immer wieder gesehen hatten. Mit ihnen hatten wir einen perfekten Zeltplatz geteilt und schließlich hatten wir ihnen unsere Gallionsfigur, einen aufblasbaren Schwimmreifen-Drachen, geschenkt. Jetzt waren sie mit ihrer Oma auf einer Fahrradtour und hatten uns zufällig auf dem Wasser entdeckt. Das war ein ebenso unglaublicher wie charmanter Zufall und zugleich ein toller Abschluss für unsere Tour.

Tour ende geschafft feierabendbier in potsdam berlin
Prost in Potdam!

Mit einem noch breiteren Lächeln als zuvor haben wir dann bei einer nett erscheinenden Marina angelegt und Boatle zum letzten Mal entladen. Im Restaurant nebenan haben wir ein ordentliches Mittagsessen und eines der leckersten Biere aller Zeiten genossen. Der einzigartige Geschmack eines erfolgreich beendeten Abenteuers!