Tipps für a) Deine Abenteuer-Tour b) mit einem Tretboot c) auf Moldau, Elbe und Havel

Welche Erfahrungen haben wir bei unserer knapp dreiwöchigen Tretboot-Tour von Prag nach Berlin gesammelt? Was ist zu beachten? Hier gibt’s generelle bis konkrete Tipps dazu:

a) Tipps für eine Abenteuer-Tour

magdeburg domfelsen abenteuer
Seid ihr bereit für ein Abenteuer?!

Zuallererst: Es ist auch kurzfristig machbar!
Allen Unkenrufen, Kopfschütteln, Zweifeln zum Trotz haben wir es nach generellen Planungen mit einer nur 1 ½-wöchigen Vorbereitungen ab Bootskauf geschafft nach Prag zu kommen und auf einem ganz normalen Tretboot 620 km nach Berlin zu trampeln. Es empfiehlt sich natürlich längerfristiger zu planen, besonders wenn Freunde mitkommen möchten, die zeitlich weniger flexibel sind.

Vorbereitung: Zeit hilft, Flexibilität ist unverzichtbar
Bei einer längeren Planung hat man auch mehr Zeit die Ausrüstung zu besorgen und vor allem zu testen. Das Fahlen der Probefahrt mit unserem gebraucht gekauften Boot hat sich gleich am ersten Tag auf dem Wasser gerächt. Zudem lässt sich Geld sparen, wenn man Angebote ohne Zeitdruck vergleicht. In der Planungsphase sollte man sich Flexibilität bewahren. Entsprechend unserer sonstigen Situation und dem Bootsangebot haben wir mit verschiedenen Routen, Daten und Vehikeln die Planungen mehrfach überarbeitet.

Als wir dann das passende Boot in Berlin gefunden haben, waren Aufbruchsstimmung und Vorfreude nicht mehr zu stoppen. Online lassen sich auch kurzfristig vorher nicht erahnte Lösungen finden. Sei es ein günstiger Transport im neuen Sprinter, Top-Beratung im Boots-Onlineshop oder Kontakte für die Strecke.

Back to basic!
Man sollte sich vorab bewusst machen, was man von seiner Expedition erwartet. Wir wollten die Herausforderungen mit möglichst wenigen und einfachen Mitteln bewältigen (Stichworte: Tretboot und Muskelkraft). „Weniger ist mehr“ galt auch bei der Ausrüstung und den Wertsachen, um die man sich Sorgen machen müsste. Es tat gut auf mehrere Arten abzuschalten, um das Ursprüngliche und Natürliche genauso zu genießen wie das stressfreie Entdecken von Land und Leuten.

"Back to basic" "or a modern world"?
“Back to basic” “or a modern world”? Tschechische Oblaten stellen ähnliche Sinnfragen wie Glückskekse.

Positive Grundeinstellung
Abenteuerfreude und Lösungsorientierung sind Grundvoraussetzungen. Egal ob das kölsche „Et hätt noch immer joot jejange!“ oder das „No worries, mate!“ unserer australischen Mitfahrer. Unsere mentale Einstellung und unser Vertrauen ins Gute wurden belohnt. Wir haben das Boot und unsere gesamte Ausrüstung mit Ausnahme einer kleinen Tasche mit Wertsachen häufig auch an unkonventionellen Plätzen zurückgelassen, wenn wir uns Städte und Natur angeschaut haben. Uns wurde auf der gesamten Tour nichts geklaut und es gab weder Beschwerden noch Anzeigen.

Gerade wenn das Ende naht und sich wie bei uns noch einmal verschiebt, gilt es flexibel zu bleiben und das Motivations- und Konzentrationslevel weiter hoch zu halten. Wir hatten geplant bis zum Plauer See zu fahren, da wir vorab keine Information gefunden hatten, ob wir mit dem Tretboot die träge Havel hinauf fahren könnten. Es kam also auf einen Versuch an und so hat sich unsere Tour zwar noch einmal um 1 ½ Tage und einige Kilometer verlängert, aber auch um das Erfolgserlebnis Berlin erreicht zu haben! Nachdem wir uns unterwegs auch durchs Nasse, Graue und Wellige kämpfen mussten, konnten wir dann die angenehmen Momente noch mehr genießen.

Bei schlechtem Wetter hilft nur gute Stimmung und auch mal unter einer Brücke unterstellen
Bei schlechtem Wetter hilft nur gute Stimmung und auch mal unter einer Brücke unterstellen

No risk, no fun
Es ist nur eine Frage der Zeit, dass auf einer Abenteuer-Tour schwierige Situationen auftauchen. Als in Prag der Wasserspiegel im Boot stieg, war es verdammt viel wert Freunde, auf die man sich verlassen kann, an Bord zu haben. Das Umschalten von entspannter Urlaubsstimmung auf konzentrierten Einsatz zur Sicherung von Boot und Crew innerhalb eines Augenblicks spricht dafür.

Man sollte sich vorab bewusst machen, dass man seine Komfortzone verlassen hat und nicht ein TÜV-geprüfter Reiseveranstalter ein erprobtes Programm mit allen möglichen Versicherungen bietet. Es geht nicht darum leichtfertig Gefahren einzugehen, sondern darum Eigenverantwortung zu übernehmen. Risiken erkennen, mit Vorbereitungen minimieren und dann bewusst eingehen. Lieber überschätzt man ein Risiko und ist dann in der Situation erleichtert, als das Gegenteil zu erfahren. Aber man sollte sich auch nicht vorab von den Geschichten und Horrorszenarien der Zweifler und Sicherheitsbedürftigen verschrecken lassen.

Die Schleusen waren deutlich entspannter als die Vorwarnungen dazu
Die Schleusen waren deutlich entspannter als die Vorwarnungen dazu

b) Tipps für eine Tretboot-Tour

boatle tretboot Abenteuer
Erstens – finde ein Tretboot

Vor und während unserer Tretboot-Tour auf Moldau, Elbe, Kanälen und Seen wurden wir vor gefährlichen Gierfähren, Schaufelraddampfern, Schleusen und Strömungen gewarnt. Dank unserer jahrelangen Erfahrung mit verschiedenen Bootarten auf unterschiedlichen Gewässern haben wir uns davon nicht verrückt machen lassen. Ohnehin sind die Wellen von wuchtigen Sportbooten mit unaufmerksamen oder rücksichtslosen Wochenendkapitänen, die auch im Kanal knapp an einem vorbeidüsen deutlich gefährlicher. Da wird auch mal das halbe Tretboot überspült.

Besonders auf den Flüssen sind mehr Berufsschiffer und WSA-Schiffe unterwegs, denen man natürlich nicht in die Quere kommen darf. Die Kenntnis der Regeln und Zeichen auf Wasserstraßen ist unverzichtbar. Es lohnt sich den Motorbootführerschein Binnen zu machen. Diesen gibt’s ab etwa 200 € für einen Wochenendkurs + ca. 80 € für die Prüfung. In Berlin ist die Skili Bootsschule zu empfehlen. Gerade ohne Schiffsfunk sind klar verständliches Verhalten und Ausweichmanöver sinnvoll. Gegenseitige Rücksicht und freundliches Grüßen war in Tschechien sehr stark und auf der Elbe noch größtenteils verbreitet. Ab Parey auf dem Elbe-Havel-Kanal wurde es mit zunehmendem Privatverkehr leider weniger.

Die Tour lässt sich auch ohne Führerschein bewältigen. Es empfiehlt sich aber vorab Informationen bei anderen Flusstouren-Fahrern und beim Wasser- und Schifffahrtsamt (Vielen Dank nach Dresden!) sowohl online als auch im Gespräch einzuholen. Und unterwegs helfen Aufmerksamkeit und gesunder Menschenverstand.

Tretboot von oben
Tretboot von oben

Wir hatten uns verschiedene Boote mit und ohne Motor angeschaut und schließlich für ein Tretboot entschieden, weil wir die 620 km von Prag bis Berlin mit Muskelkraft schaffen wollten und weil wir so unterwegs mit zahlreichen erstaunten Menschen in Kontakt gekommen sind.

Nachteile eines Tretboots:
– Es gibt preiswertere Kanus
– Es ist sperrig: Unser Tretboot passte mit 3,90m x 1,60m x 0,90m gerade noch in einen großen Sprinter
– Es ist so ziemlich der ineffizienteste Antrieb, den es gibt. Es fühlt sich an, als ob man im schwersten Gang Fahrrad fährt, dabei aber nur so voran kommt wie im leichtesten Gang.

Vorteile eines Tretboots:
– Man hat mehr Platz für Gepäck oder weitere Mitfahrer (bei uns 2-5 Personen)
– Es ist gesellig: Man sitzt neben seinem Mitfahrer und kann sich gut unterhalten. Außerdem kommt man mit vielen Menschen in Kontakt, weil man selten ein Tretboot auf einem Fluss sieht. (“Mir wäre das zu extrem, aber ich find’s gut!”, “Klasse, macht weiter so. Diese Zeiten kommen nie wieder!”)
– Es ist bequem: Man kann gemütliche Sitze montieren, mal die Beine hochlegen und bei Bedarf auf dem „Sonnendeck“ einen Mittagsschlaf halten, während ein Mitfahrer den Kurs hält
– Man sitzt höher als in einem Kanu. Dadurch sieht man besser und wird leichter von anderen Schiffen gesehen.

Chillen auf dem Tretboot
Chillen auf dem Tretboot

Wir haben das Boot erst kurz vor der Tour ersteigert und hatten daher nur begrenzt Zeit die Ausrüstung zu besorgen. Grundsätzlich haben wir versucht so wenig wie möglich mitzunehmen. Bei Sicherheitsausrüstung (Erste-Hilfe-Kasten, Schwimmwesten etc.) zählt natürlich häufig, dass es gut ist sie dabei zu haben auch wenn man sie nicht benötigt.

Diese Ausrüstungsgegenstände kamen bei unserer Tour kaum zum Einsatz:
– Anker (unsere erste Errungenschaft beim Ausrüstungs-Shopping)
– Kocher und Zubehör (wir waren jeden Tag essen, mal im Imbiss, mal im Restaurant)
– Schwimmwesten (bei höherem Wasser sinnvoller, aber auch als Schlafunterlage praktisch)
– Ein zweites Stechpaddel: Auch wenn nach manchen Schleusen Zweige und Ähnliches im Ruder hingen, wurde dieses oder das Schaufelrad nie blockiert und wir haben höchstens ein Stechpaddel (bzw. den daran montierten Bootshaken verwendet) um uns seitlich an eine Anlegestelle zu ziehen

Diese Ausrüstung war sehr nützlich:
– Klampen, Leinen und Gummiseile, um das Tretboot und das Gepäck darauf zu befestigen
– Ein großer Sonnenschirm, der auch im Regen sehr hilfreich war. Die Meinungen der Crew über die Funktion als Segel gehen auseinander
– Gemütliche Sitze und Kissen
– Eine Metallstange zum Vertäuen des Boots im Sand
– Eine Fahrradkarte reicht und bewahrt einen davor mehr in die detaillierte Flusskarte als in die Landschaft zu schauen (selbst nach dem Ende unserer Karte in Magdeburg ging es par Handykarte und Co. weiter)
– Wasserdichte Tasche und Hüllen (für Kamera, Handy etc.) und eine Kiste für den Kleinkram, an den man unterwegs ran kommen möchte (Sonnencreme, Hut, Verpflegung, Ukulele etc.)
– Solarpanel, um Handy und Kamera ein bisschen nachzuladen
– Genügend Behälter für Trinkwasser

c) Tipps für eine Tour auf Moldau, Elbe & Co.

Die Route von oben mal anschauen
Die Route von oben mal anschauen

Verpflegung
Wie bei den Ausrüstungsempfehlungen beschrieben, benötigt man nicht unbedingt einen Campingkocher etc. Unterwegs gibt es zahlreiche Essens-Möglichkeiten für verschiedene Geschmäcker und Geldbeutel. Von den lokalen Spezialitäten hat es uns die tschechische Ente mit verschiedenen Knödeln und Kraut am meisten angetan.
Wenn die Chance besteht, sollte man die Trinkwasservorräte nachfüllen oder neue Flaschen kaufen. Das gilt besonders für die ländlichen Gegenden von Tschechien, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Kommunikation
In Tschechien wird außer in Prag und nahe der deutschen Grenze sehr wenig englisch und deutsch gesprochen. Es empfiehlt sich zumindest die wichtigsten tschechischen Worte zu lernen, eine kleine Lautschrift-Vokabelliste mitzunehmen und mit Händen und Füßen zu kommunizieren. Das Mobilfunknetz ist in den Städten in Ordnung, im Gebirge gibt es weniger Empfang. Die größere Herausforderung ist aber die Akkus nachzuladen.

Strömung
Die Moldau ist komplett und die Elbe ist bis Ústí nad Labem (Aussig) gestaut. Daher kann man für die ersten rund 120 km mit kaum bis gar keiner Strömung rechnen. Nach der letzten Schleuse ist der Unterschied spürbar. Im August hatte sich die Strömung aber bei 3-4 km/h eingependelt und nur am Domfelsen in Magdeburg gab es mal mehr Wasserbewegung. Auf den Kanälen liegt die Strömung bei null und auf der Havel ist sie so gering, dass wir stromaufwärts fahren konnten. Dabei kam uns teilweise der Rückenwind zugute. Die Übersicht-Grafik dazu gibt’s hier.

Dank wenig Gewicht und Tiefgang kann man mit dem Tretboot fast überall anlegen.
Dank wenig Gewicht und Tiefgang kann man mit dem Tretboot fast überall anlegen.

Orte
Es ist kein Problem unterwegs Übernachtungsplätze zu finden. Neben Campingplätzen kommt man auch gut bei Wassersport-Clubs und Marinas unter. Bei letzteren sollten die Kosten aber vorab geklärt werden, da ein „Sonderpreis“ auch mal bei 50 € liegen kann wie bei der „Marina am Tiefen See“. Besonders naturnah und ruhig sind natürlich die zahlreichen Plätze direkt am Wasser auf Wiesen und in Sandbuchten. Der Respekt gegenüber Natur und Mensch ist dabei selbstverständlich. Dann gibt es auch keine Beschwerden.

Die Strecke Prag-Berlin hält viele sehenswerte Orte bereit: Prager Altstadt, Barocke Architektur und Industriebrache entlang der Ufer, Roudnice, Terezín (Theresienstadt), Burg Schreckenstein in Ústí, Elbsandsteingebirge, Dresdens Alt- und Neustadt, Meißen, die Reformationsstädte Mühlberg, Torgau und Wittenberg (500-jähriges Jubiläum in 2017), Bauhaus in Dessau, Magdeburg, Brandenburg, idyllische Havelarme, Potsdam und Berlin.

Dafür sollte man unbedingt genügend Zeit einplanen und unbedingt flexibel und neugierig bleiben. So entdeckt man auch mal Livemusik in versteckten Kneipen, tanzt auf einer böhmischen Hochzeit oder bestaunt auf einem verlassenen Kirchengrundstück aufwendige Grabsteine aus den letzten 800 Jahren.

Mehr Details dazu gibt es in unseren Reiseberichten.

Man kann immer Neues entdecken!
Man kann immer Neues entdecken!