Popráci!? Warum wir eine Woche, nachdem wir davon erfuhren, mitgemacht haben

Mitten im Trubel von Nord-Neukölln, dort wo es am lautesten, dichtesten und buntesten ist, gibt es eine kleine Oase. Jenseits der schrillen Karl-Marx-Allee liegt das historische Rixdorf. Nach wenigen Schritten fühlt man sich nicht mehr mitten in Berlin, sondern in einem beschaulichen Dorf, in dem sich alte kleine Häuser um einen Marktplatz reihen. Aber der Schein trügt. Dieses Gebiet war schon früher als „Inbegriff frivoler Unterhaltung“ bekannt und mit dem Gassenhauer „In Rixdorf ist Musike“ besungen. Um das negative Image loszuwerden stimmte Kaiser Wilhelm II. 1912 der Umbenennung in Neukölln zu. Dieser Stadtteil war nicht erst seit dem Mauerbau von Migration geprägt. Bereits im 18 Jahrhundert gestattete Friedrich Wilhelm I. die Ansiedlung von böhmischen Exulanten, die wegen ihres evangelischen Glaubens aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Aus dieser Zeit stammt das Rixdorfer Popráci. Die Tradition des Strohballenrollens wird seit 2008 von der Künstlerkolonie Rixdorf und der Botschaft der Tschechischen Republik wiederbelebt. Auf das Wettrennen, das um den Richardplatz führt, wurden wir gut eine Woche vor dem Startschuss aufmerksam. Uns war nicht ganz klar, was Popráci war, aber die Bilder sahen unterhaltsam aus. Einen Strohballen durch die Gegend rollen und sich verkleiden? Wir waren begeistert und haben die Organisatoren kontaktiert. Es sei kurzfristig, aber wir könnten noch teilnehmen, wenn wir umgehend unseren Teamnamen und die Namen der Mitglieder nennen. Es gehen immer vier Personen an den Start, ein Ersatzroller wird empfohlen. Also haben Sarah und ich schnell alle möglichen Freunde angesprochen, denen es zunächst so ging wie uns. Popráci? Was ist das? Wir haben vier Mitstreiter gefunden, die spontan begeistert waren. Also haben wir uns als Team „Rock `n Rollmops“ angemeldet. Bis zum Wettkampftag waren wir noch zu viert, das reichte. Andreas und Ursula waren von der gleichen unwissenden Vorfreude erfasst wie wir. Dank Verkleidungskiste, Perücken und Mehl in den Haaren haben wir uns in ältere Menschen verwandelt.

Schauen dass die Frisur gut sitzt

Am Richardplatz zeigte sich der Sommer von seiner prächtigsten Seite und wärmte unsere alten Knochen. Die gutgelaunten Organisatoren und Zuschauer haben unser ergrautes Auftreten gerne mitgespielt. Warum dort Stroh lag, konnte man bald sehen. Bunte Teams rollten große Strohballen durch die Straßen.

Es wurde ernst für uns, soweit das möglich war. Zwei Teams mussten gleichzeitig ihren Strohballen schnellstmöglich einmal um den Marktplatz rollen. Die Gewinner der Vorrundenrennen kommen in die Hauptrunde. Hochmotiviert haben wir einen starken Start hingelegt. Schon nach 50m waren wir überrascht, wie anstrengend es sein kann einen Strohballen zu rollen. Immer wieder die gleiche ungewohnte Bewegung. Aber die jubelnden Zuschauer und unser Ehrgeiz haben uns angespornt. Dazu kam der Strohballen unserer Gegner, die an unseren Fersen hingen. In der ersten Runde haben wir tatsächlich die Höchstpunktzahl fürs Rollen, Kostüm, Zieleinlauf und Fairness erhalten.

Warten auf den Startschuss

Das musste gefeiert werden. Bis zu den Finalläufen sollte es noch eine Weile dauern. Wir genossen die verdiente Pause mit ein-zwei Pivo (tschechisch „Bier“) und einem Nickerchen in der Sonne. Wie beim Rixdorfer Weihnachtsmarkt erlebt man beim Popráci viel ehrenamtliches Engagement der Helfer und an den Ständen mit allerlei Selbstgemachtem. Dort konnten wir uns stärken.

In der Hauptrunde stießen wir auf ein junges tschechisches Team, das extra für das Wochenende angereist war. Dieses Rennen war weniger nervenaufreibend. Unser Gegner verschwand bald in einer Strohwolke vor uns. So konnten wir das Rennen und den Zieleinlauf mit Konfetti und Jubel der Zuschauer etwas gemütlicher genießen.

Die drei Gewinnerteams der Hauptrunde sind dann noch bei einem Quiz auf der Bühne gegeneinander angetreten. Zwischendrin gab’s gute Musik, nette Gespräche und noch mehr zu Naschen.

Popráci ist etwas, das wir innerhalb von 10 Tagen kennengelernt, auf unsere Bucketslist gestellt und gleich erledigt haben. Absolut lohnenswert! Vielen Dank an alle Beteiligten!!

Matthes ist ein Querdenker, der freiberuflich Event-Konzepte schreibt und einen Webshop (customazer.com) betreibt. Er träumt gerne, realisiert noch viel lieber und findet sich dann gerne mit leichtem Gepäck in der Wildnis, abenteuerlich in der Luft, verkleidet im Schlamm oder unterhaltsam auf dem Wasser.

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