Ein sehr englisches Radel-Wochenende

Sonntagmorgen in einer beschaulichen englischen Kleinstadt. Eigentlich etwas zu früh. Gut, dass wir am verkaterten Samstag mit Baked Beans, Tee, Geburtstagskuchen, mehr Tee und englischem Dinner unsere Akkus füllen konnten. Jetzt ging es los auf meinem gefederten Mountainbike mit extrabreitem geweihähnlichem Lenker. Sarah war froh, dass wir ihre Campingausrüstung für unsere 1 ½ Tage zurücklassen würden. In England war der Frühling 2-3 Wochen weiter als in Berlin und wir starteten mit einem ganzen Stück bergab. Wir streiften durch ruhige Natur auf ehemaligen Bahnstrecken und ich tollte auf meinem inzwischen Elch getauften Rad über Stock und Stein. Es fühlte sich gleich so gut, einfach und richtig an.

Auf alten Bahntrassen durch verträumte englische Landschaften - LEJOG
Auf alten Bahntrassen durch verträumte englische Landschaften – LEJOG

Aber was würde da noch auf mich zukommen? Ich hatte Sarah vor 1 ½ Tagen an ihrem Geburtstag erlebt. Sie war echt geschafft von den ersten fünf Tagen im Sattel. Bevor wir abends mit ihren Freundinnen ausgegangen sind, hatten wir ein großes chinesisches Buffet bestellt. Nach und nach stiegen wir übersättigt auf Flüssignahrung um, aber Sarah spachtelte weiter und füllte ihre verbrannte Energie wieder auf. Die anschließende Pubcrawl- Karaoke-Party vom Freitagabend war in eindrucksvoller Erinnerung, aber fühlte sich schon entfernt an. Noch viel weiter weg war Berlin und der Arbeitsstress, dabei lag das noch keine 48 Stunden hinter mir.

Froh zu sein bedarf es wenig : )
Froh zu sein bedarf es wenig : )

Stattdessen fühlte es sich an, als ob wir einfach weiterrollen könnten. Vielleicht lag das auch einfach an der Begleitung. Typisch englische verträumte Backsteinhäuser wechselten sich mit knallgelben Rapsfeldern ab. Wir radelten an weidenden Tieren vorbei, blökten und muhten und unterhielten uns. Vor unserer Mittagspause in Market Drayton mussten wir uns das letzte Stück Geburtstagskuchen noch mit einem steilen Hügel erarbeiten. Im Park streckten wir alle viere von uns. So langsam merkte ich, was es mit der Müdigkeit und dem großen Hunger auf sich hatte.

Radler-gerechte Stärkung zwischendrin. Danke, Kim!
Radler-gerechte Stärkung zwischendrin. Danke, Kim!

Weiter ging es durch verwunschene Landschaften. Es hätte mich nicht gewundert, wenn aus einem der Höfe ein Hobbit getreten wäre. Ein paar hügelige Meilen weiter wurde ich zurück ins 21. Jahrhundert geholt. Wir mussten uns für ein paar Meilen die Landstraße mit zahlreichen LKWs und Autos teilen. Ohne Fahrradweg ist es auch für Berlin-erprobte Radler heftig. Da wussten wir zwischendrin auftauchende Bürgersteige und später ruhigere Straßen sehr zu schätzen.

Entlang der Straße. Ohne Fahrradweg kamen uns die Autos sehr nahe
Entlang der Straße. Ohne Fahrradweg kamen uns die Autos sehr nahe

Am Vortag hatte Sarah noch erzählt, dass sie den LEJOG und nicht den JOGLE fährt, weil in Großbritannien der Wind meistens aus Süden weht. Ein respektvolles Nicken über so eine durchdachte Planung ging durch die Runde. Na ja, es war auch interessant auf unserem Weg Richtung Norden zu erleben, dass der Wind auch kräftig von dort wehen kann. Unsere Schatten wanderten allmählich auf unsere rechte Seite und wurden länger. Und meine Beine und Knie meldeten sich deutlicher. Dabei hatte mein Elch mehr Gänge als Sarahs Rad und keinen Gepäckträger. Respekt, Sarah!

Blood and sweat and gears!
Blood and sweat and gears!
Sarah is unSTOPpable on her bike
Sarah is unSTOPpable on her bike

Im wunderschönen Chester am River Dee mit seinen doppelstöckigen historischen Gebäuden und Läden war es gar nicht so einfach eine Unterkunft zu finden. So kurvten wir durch die Stadt und hätten fast Sarahs bisherigen Tagesrekord von 72,5 Meilen gebrochen, als wir schließlich an der fünften Adresse einen Raum gefunden hatten – passender Weise im Saddle Inn. Eine heiße Dusche, ein Ründchen durch die Altstadt, deftiges Pub-Essen und ein großes Eis mit Sarah. So ein Glück!

Sarah - The Machine - radelt unermüdlich durch England. Ich mache eher mal Fotopausen.
Sarah – The Machine – radelt unermüdlich durch England. Ich mache eher mal Fotopausen.

 

Warmradeln im Morgenfrost
Warmradeln beim Morgenfrost

Am frostigen Montagmorgen sind wir noch 20 Meilen zusammen geradelt, bevor ich wieder zurückgeflogen bin und Sarah wieder auf sich allein gestellt mit vollem Gepäck einen neuen Streckenrekord aufgestellt hat. Ich hätte ohne Unterstützung nicht an dieser grandiosen Tour teilnehmen können. Danke Liz und Owen für das Rad, die Transporte, Unterkunft und leckere Verpflegung!

Sarah navigiert flexibel mit Karte und nur im Notfall mit GPS
Sarah navigiert flexibel mit Karte und nur im Notfall mit GPS

Dieser Beitrag wurde auf Deutsch von Matthes geschrieben und auf Englisch übersetzt von Sarah. Hier findest Du den übersetzten englischen Text.

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